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«Das Erwachen», 2013. Fotografie hinter Acrylglas, 112 x 150 cm, Auflage 5. © Chantal Michel

Chantal Michel

ist 1968 in Bern in der Schweiz geboren. Sie lebt und arbeitet in Diessbach bei Büren, Schweiz.

Förderbeitrag 2022 – Würdigung ihres bisherigen Oeuvres

Chantal Michel ist eine Schweizer Medien- und Konzeptkünstlerin, deren Werk sich an der Schnittstelle von Fotografie, Video, Performance und Installation bewegt. Seit den frühen 1990er-Jahren entwickelt sie eine eigenständige künstlerische Sprache, in der der eigene Körper, die Inszenierung von Identitäten und die Transformation von Räumen zentrale Rollen spielen. Michel nutzt sich selbst als Bildfigur, Darstellerin und Erzählerin. In ihren Fotografien und Videosequenzen schlüpft sie in unterschiedliche Rollen und Charaktere und erschafft so Szenarien, die zwischen Realität und Fiktion oszillieren. Dabei hinterfragt sie gesellschaftliche Rollenbilder, Sehgewohnheiten und die Konstruktion von Identität – oft mit subtiler Ironie, poetischer Überhöhung oder surrealer Verschiebung.

Ein wesentliches Merkmal ihres Schaffens ist die Ausweitung der Kunst in den Raum und in den Alltag hinein. Ihre Projekte begreifen Kunst nicht als isoliertes Objekt, sondern als ganzheitliche Erfahrung. Räume werden zu Bühnen, in denen Bild, Licht, Klang, Kulinarik und soziale Begegnung ineinandergreifen. Besucherinnen und Besucher werden nicht nur zu Betrachtenden, sondern zu Teilnehmenden eines inszenierten Gesamterlebnisses. Dabei verbindet Michel visuelle Kunst mit performativen Handlungen, alltäglichen Ritualen und gemeinschaftlichen Momenten, wodurch die Grenzen zwischen Kunstwerk, Künstlerin und Publikum bewusst durchlässig werden.

Thematisch kreist ihr Werk um Verwandlung, Wahrnehmung und die Beziehung zwischen Innen- und Aussenwelt. Traumhafte, märchenhafte oder irritierend alltägliche Bildwelten laden dazu ein, gewohnte Perspektiven zu verlassen. Michels Arbeiten erzeugen eine Atmosphäre zwischen Vertrautheit und Fremdheit, zwischen Humor und Melancholie, zwischen Spiel und Ernst. Gerade diese Offenheit macht ihre Kunst zugänglich, ohne dabei an inhaltlicher Tiefe zu verlieren.

Insgesamt steht das Werk von Chantal Michel für eine Kunstform, die sich nicht auf ein Medium festlegen lässt und die das Leben selbst als künstlerisches Material begreift. Ihre Arbeiten sind sinnliche Erfahrungsräume, die Fragen nach Identität, Wirklichkeit und Imagination aufwerfen – und dabei stets Raum für eigene Entdeckungen lassen.

Die Manuela Wurch Güdel Stiftung würdigt Chantal Michels bisheriges Oeuvre mit dem Förderbeitrag 2022.

Text © Anna Sorg

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Foto © Chantal Michel