Filmstill aus dem Animationsfilm «Stitches». © Ingrid Gaier
Ingrid Gaier
ist 1967 in Steyr, Österreich geboren. Sie lebt und arbeitet in Wien, Österreich.
Förderbeitrag 2024 – Animationsfilm «Stitches» (8 Min.)
Ingrid Gaiers Blick richtet sich auf die oft übersehenen Erfahrungen marginalisierter Menschen – besonders auf die Geschichten von Frauen, die Gewalt, Abhängigkeit und Verlust durchlebt haben. Sie arbeitet spartenübergreifend und öffnet in Videos, Zeichnungen, textilen Arbeiten und Installationen Räume der Erinnerung, schafft Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Von Oktober 2025 bis Januar 2026 war die Künstlerin im Rahmen eines Artist-in-Residence-Aufenthaltes in Solothurn tätig, wo sie ihre Abschlussarbeit "Amnesia" im Alten Spital präsentierte. Ihre Ausstellung setzte sich mit der Geschichte des Hauses auseinander und spürte den weitgehend vergessenen Lebenswegen der dort untergebrachten Waisenkinder nach.
Textilien versteht Ingrid Gaier nicht als dekoratives Medium, sondern als historisch weiblich konnotierte Ausdrucksform, in die Fürsorge und Geduld gleichermaßen eingeschrieben sind.
Ausgangspunkt des von der Manuela Wurch Güdel Stiftung geförderten Kurzfilms "Stitches" war ein reich besticktes Altartuch aus einem kleinen isländischen Museum. Mit ihm verwoben ist das Schicksal einer Frau, die 1627 bei einem Korsarenüberfall in Island entführt und in die Sklaverei nach Algerien verkauft wurde. Sie gelobte, der Kirche von Holt ein Altartuch zu stiften, sollte sie ihre Freiheit wiedererlangen.
Nach zehn Jahren wurde sie 1637 freigekauft und löste ihr Versprechen ein. Die dichten, verschlungenen Pflanzen- und Blumenmotive des Tuchs zeigen Einflüsse der algerischen Kultur und verweisen auf eine biografisch eingeschriebene Erfahrung von Fremde und Aneignung zugleich.
Ingrid Gaiers Film spürt den Gedanken und Gefühlen nach, die sich bei der langsamen, repetitiven Arbeit des Stickens eingestellt haben mögen. Das Sticken erscheint als Akt der Selbstvergewisserung, in dem erlittene Fremdbestimmung in Sinn, Würde und Handlungsmacht transformiert wird. "Stitches" liest das Altartuch als Akt weiblicher Selbstermächtigung; als leisen Widerstand gegen patriarchale Gewalt und Zeugnis einer Frau, die vom Objekt historischer Umstände zum Subjekt ihrer eigenen Geschichte wird.
Text © Antje Lechleiter
Jury:
Anna Bürkli – Kunsthistorikerin, Solothurn
Hanspeter Dähler – Galerist, Kurator, Solothurn
Bettina Eberhard – Filmemacherin, Kulturvermittlerin, Förderpreisträgerin 2023, Zürich
Marion Wild – Kunsthistorikerin, Zürich
Thomas Spycher – Stiftungsassistenz, Zürich
Manuela Wurch – Stiftungsleitung, Künstlerin, Solothurn
Foto © Ingrid Gaier